Grippe und solche Sachen
Kranke Kinder unter keinen Glassturz geben

Mit Kälte haben grippale Infekte wenig zu tun. Allerdings stärkt Abhärtung den Kreislauf und macht resistenter gegen Viren. Viel trinken reinigt die Schleimhäute. Ist der Schnupfen da, hilft nur noch Ruhe.
Kaum ziehen die ersten kühlen Tage übers Land, sind sie auf dem Posten: besorgte Mütter, die ihre Kids mit mehreren Lagen Pullover, Jacke, Haube und Handschuhen ausstatten. Damit die Kleinen nicht krank werden. Ob sie ihren Kindern damit etwas Gutes tun, ist allerdings fraglich: Denn dass Erkältungen durch Kälte entstehen, ist ein weit verbreiteter Irrtum.
In der Regel sind Viren (manchmal auch Bakterien) schuld daran, dass wir husten und schnupfen. Kälte ist weder notwendige Bedingung noch Ursache für diese Erkrankung. „Die Menschen werden im Winter häufiger krank, weil sie sich dann mehr in Gebäuden oder in schlecht gelüfteten Räumen aufhalten und dadurch leichter in Kontakt mit Viren kommen“, sagt etwa David Watson, Kinderarzt in Massachusetts (USA).
Nicht unter den Glassturz
Einzig lange, intensive Kälteeinwirkung auf einen nicht ausreichend geschützten Körper kann zur Schwächung des Immunsystems und dadurch zu einer schlechteren Abwehr der Krankheitserreger führen, sagen neue Studien. Was den Schleimhäuten aber vor allem zu schaffen macht, ist der Feuchtigkeitsmangel durch überheizte Räume oder die kalte Luft, die weniger Wasser aufnehmen kann als warme Luft. Trinken, trinken, trinken, empfehlen daher Kinderärzte als Krankheitsprävention. „Eltern müssen eine sinnvolle Balance finden, was Infektvermeidung betrifft“, sagt Rudolf Schmitzberger, Kinderarzt in Wien. „Man soll die Kinder nicht unter einen Glassturz stellen – aber wenn die halbe Klasse krank ist, muss man sein Kind nicht unbedingt in die Schule schicken.“
Für ein Kindergarten-Kind seien sechs bis acht Infekte pro Jahr normal. Gerade in dem Alter wird das Immunsystem trainiert. „In der Schule werden jene Kinder weniger krank, die im Kindergarten waren und dadurch mit vielen Viren in Kontakt gekommen sind.“ Nicht immer müssen Infektionen „ausbrechen“, um das Immunsystem zu schulen – auch nach einer Infektion ohne Symptome wird der Körper immun gegen den Erreger (man spricht von „stiller Feiung“).
Schmitzberger hält ausgewogene Ernährung, Sport, frische Luft und ausreichend Flüssigkeit für die beste Prävention. „Je widerstandsfähiger der Kreislauf ist, desto besser hält er Virenattacken stand.“ Auch eine gewisse Unempfindlichkeit gegen Temperaturschwankungen helfe – die könne man etwa durch Saunabesuche mit anschließender Abkühlung trainieren.
Regelmäßige Kältereize durch Saunabesuche oder Wechselduschen empfehlen auch die deutschen Mediziner Rainer Brenke und Werner Siems: Der wiederholte Kältereiz trainiere das Herz-Kreislauf-System und rege die Durchblutung in Händen und Füßen an. „Das steigert auch den Blutfluss in Nasen- und Rachenschleimhaut, wodurch mehr Zellen des Immunsystems zu den Orten gelangen, die permanent den Attacken von Viren und Bakterien ausgesetzt sind.“
Weitere Vorbeugungsmaßnahmen: Menschenansammlungen (in Bus, U-Bahn) meiden, Hände waschen, sich nicht anniesen lassen. „Aber wie gesagt: Bei Kindern sollte man mit diesen Vorsichtsmaßnahmen nicht übertreiben“, sagt Schmitzberger. Was er sehr wohl empfiehlt, ist eine Grippe-Impfung. „Beim Impfen sind die Eltern leider sehr zurückhaltend geworden. Aber die echte Grippe ist eine schwere Erkrankung und verläuft nicht immer harmlos. Sie kann Fieberkrämpfe oder schwere Lungen- und Ohrenentzündungen nach sich ziehen. Rund 300 stationäre Spitalsaufenthalte von Kindern könnten durch die Grippe-Impfung vermieden werden.“
Medikamente helfen nicht
Ist die Erkältung einmal da, heißt die beste Therapie Ruhe, meint David Watson. Medikamente helfen nicht wirklich: Mit Behandlung dauere ein grippaler Infekt sieben Tage, ohne Behandlung eine Woche, lautet ein bewährtes Ärzte-Sprichwort. Halte sich das Fieber aber über längere Zeit oder sei es besonders hoch, müsse jedoch seine Ursache abgeklärt werden, sagt Schmitzberger. Handelt es sich nämlich nicht um eine virale, sondern um eine bakterielle Infektion, helfen nur noch Antibiotika.
05.10.2009 | 19:39 | DANIELA TOMASOVSKY (Die Presse)















