News: Bildschirme,
gefährliche Babysitter

Fernsehen ist nichts für kleine Köpfe. Das Schauen in eine zweidimensionale Welt beeinträchtigt die Entwicklung des Gehirns.
In den USA verbringen bereits Zweijährige durchschnittlich zwei Stunden am Tag vor der Glotze. Die Kinder sitzen fasziniert vor dem Bildschirm, starren auf das Geschehen, quengeln nicht, strengen nicht an, verlangen nichts und verhalten sich ruhig. Was kann denn daran so schlimm sein, den Fernseher als Babysitter zu benutzen?
"Es ist eine Katastrophe", sagt Manfred Spitzer, Neurobiologe an der deutschen Universität Ulm. "Bereits wesentlich kürzere Fernsehzeiten wirken sich nachteilig auf die Entwicklung des Gehirns aus." Regelmäßiges Fernsehen ist Gift für kleine Köpfe. Neueste Ergebnisse aus der Forschung beweisen, dass sich die Gehirne von Kindern, die von klein auf viel Zeit vor dem Fernseher verbringen, anders entwickeln als von jenen, die wenig oder gar nicht fernsehen. "Sinne verkümmern, das Vermögen zu riechen, zu fühlen oder sich zu bewegen bleibt defizitär", so Hirnforscher Spitzer.
Sprachlos
Im Alter von etwa 18 Monaten kommt es zu einer sogenannten Sprachexplosion. Tägliches Vorlesen wirkt sich dabei überaus positiv auf die Sprachentwicklung aus. Solche Kinder wissen mehr Wörter als ihre Altersgenossen, denen nicht täglich vorgelesen wird. Im Gegensatz dazu wirkt tägliches Schauen von Babysendungen oder DVDs äußerst negativ. "Solche Kinder entwickeln ihre Sprache doppelt so schlecht, als sie sich beim Vorlesen gut entwickelt", sagt Spitzer. "Weil ihnen die wirkliche Welt fehlt. Sie brauchen es nicht bunt und laut, sondern es müssen für sie alle Sinne zusammenpassen - Stimme, Geruch, Gefühl und Kontakt."
Im Hinblick auf das Lese-Defizit, das österreichische Kinder beim jüngsten PISA-Test zeigten, sei erwähnt, dass die Leselust von Kindern am besten geweckt wird, wenn ihnen von klein auf vorgelesen wird. Die vorgetragenen Geschichten und die ersten Bilderbücher prägen die Kleinen und machen sie hungrig auf weitere Abenteuer im Kopf.
Ratlos
Wer Kinder in jungen Jahren vor dem Bildschirm parkt, raubt ihnen Lernerfahrungen und beeinträchtigt ihren intellektuellen Fortschritt. Die Entwicklung des Gehirns wird durch die Erfahrungen des gesamten Organismus bestimmt, alles prägt sich ein, was über die Sinne ins Gehirn gelangt. "Bei Säuglingen und Kleinkindern entwickelt sich Aufmerksamkeit und Konzentration durch das Wahrnehmen der direkten Umwelt. Sie lesen von den Lippen ab, sie sehen die Gesichter, sie tasten, riechen, schmecken - und alles wird gespeichert", schreibt Manfred Spitzer in seinem Buch Vorsicht Bildschirm. "Durch die Erfahrung der Welt kommt sie in den Kopf. Dabei sind Bildschirme wenig hilfreich. Sie stellen eine extreme Verarmung der Erfahrungen des kleinen Kindes dar. Bildschirme liefern eine flache Welt, insbesondere dann, wenn der Benutzer die Welt noch nicht kennt und Objekte oder Szenen aufgrund fehlender Vorerfahrungen nicht ergänzen kann."
Es gehe in allererster Linie um die Zeit, die sie beim Fernsehen verlieren, sagt KURIER-Family-Coach Martina Leibovici-Mühlberger. "Kleine Kinder sollten ihre gesamte wache Tageszeit mit ihrem Forschertum verbringen. In diesem alltäglichen Tun liegt die eigentliche Förderung des Kindes, deren Forschungszeit nicht mit der Zweidimensionalität des Bildschirms verstellt werden sollte." Nicht zu vergessen ist dabei, dass das meiste Bildmaterial nicht ursprünglich in deutscher Sprache, sondern synchronisiert ist und aus dem Englischen kommt. "Deswegen passen Bilder, Mundbewegungen und akustische Signale, die das kindliche Gehirn aufnimmt, nicht zusammen. Was eine Fehlkonditionierung des Gehirn zur Folge hat", erklärt Leibovici-Mühlberger. "Beim Erwachsenen ist das nicht dramatisch, weil die zerebralen Vernetzungen fix aufgebaut sind. Aber beim kleinen Kind bedeutet das eine Störung des Betriebssystem, das erst eingespielt werden muss."
Frühes und vieles Fernsehen macht nicht nur dumm, sondern auch dick. Es geht zulasten sozialer, spielerischer und körperlicher Aktivitäten. Weitere Folgen: Konzentrationsstörungen, geringe Aufmerksamkeitsspannen, Lernschwierigkeiten.
Hirnforscher und Pädagogen sind der Meinung, dass Kinder unter drei Jahren nicht vor Bildschirmen sitzen sollten. Ein sporadischer Blick sei erlaubt, aber Regelmäßigkeit sollte es dabei in diesem Alter nicht geben.
Zeitlos
Bei älteren Kindern ist der Bildschirmkonsum in den vergangenen Jahren steil angestiegen. Neben TV und Computer ist das Touchscreen-Handy unerlässlich - und ständig verfügbar. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt, dass amerikanische Kinder zwischen sieben und achtzehn Jahren inzwischen 7,38 Stunden am Tag vor einem Bildschirmmedium zubringen. "Dabei kam heraus, dass es eigentlich knapp elf Stunden sind, weil sie sich häufig mit mehreren Medien gleichzeitig auseinandersetzen - Fernseher, Computer, Handy laufen parallel", so Psychotherapeutin Leibovici-Mühlberger. "Kinder sind also online, sobald sie aufwachen." Dass dabei sehr viel auf der Strecke bleibt, ist nicht verwunderlich. Die Kinder werden immer mehr in eine synthetische Welt gesogen, immer weiter weg vom realen Leben.
Das alles bringt nicht nur Übergewicht und Kontaktarmut, es birgt auch Gefahrenpotenzial in Richtung Aggression und Sucht.
Dabei geht es den Experten nicht um die Verteufelung der Bildschirmmedien, sondern um den richtigen Umgang damit. "Schließlich ist die Handhabung dieser modernen Medien unsere heutige Sprache. Aber wir müssen auch die Grammatik dieser Sprache beherrschen", sagt Leibovici-Mühlberger. Eltern sollten ihren Kindern Richtlinien geben. Dazu braucht es aber Vorbildwirkung. Also muss auch der eigene Bildschirmkonsum kritisch beleuchtet werden, um Kinder positiv beeinflussen zu können.
Artikel vom 11.12.2010 14:00 | KURIER | Ingrid Edelbacher















