Lohndumping durch die öffentliche Hand
Länder und Gemeinden zahlen den Kindergärtnerinnen zum Teil weniger als den Mindestlohn, der für Mitarbeiter in Privat-Kindergärten gilt.
Seit mehr als 15 Jahren arbeitet Andrea* als Kindergarten-Pädagogin bei der Gemeinde Wien. Gratis-Kindergarten und das verpflichtende Jahr vor dem Schulbeginn hätten die Situation zum Teil untragbar gemacht, erzählt sie. Gruppen mit 25 Kindern mit nur einer Pädagogin seien keine Ausnahme. Helferinnen würden für den Kinderdienst eingesetzt, ohne dafür qualifiziert zu sein. "Es herrscht akuter Personalmangel. Wir wollen die Individualität der Kinder fördern. Aber unter diesen Bedingungen geht das nicht. Außerdem ist die Bezahlung zu schlecht."
Michaela*, Pädagogin mit langjähriger Berufserfahrung bei einem privaten Träger, fasst die Situation so zusammen: "Die Rahmenbedingungen, die die Politik vorgegeben hat, haben zu einem Albtraum geführt. Es stehen nicht mehr die Kinder an erster Stelle, sondern es geht nur darum, die Öffentlichkeit zu befriedigen."
Ein Grund für die hohe Unzufriedenheit ist die Bezahlung: Zwar maturieren pro Jahr rund 500 Pädagoginnen, doch nur rund 30 % steigen tatsächlich ein.
Unter Mindestlohn
Der Dachverband der Kindergarten- und Hortpädagoginnen macht die schlechte Bezahlung anhand einer Erhebung der Gehälter für eine 40-Stunden-Woche deutlich. Die Daten decken sich mit den Angaben der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, die Teile der Berufsgruppe vertritt.
Für private Träger gilt demnach ein Mindestlohntarif von 1822,60 Euro brutto pro Monat. Doch was für die Privaten gilt, scheint die öffentliche Hand wie Länder und Gemeinden, die österreichweit rund 80 % der 35.000 Kindergarten- und Hortpädagoginnen beschäftigt, nicht zu kratzen.
Bis auf Wien und zum Teil Niederösterreich bekommen die Fachkräfte, die den Nachwuchs betreuen und zusätzlich einen gesetzlich verordneten Bildungsauftrag erfüllen sollen, weniger als den Mindestlohn, der für die Privaten gilt. Da und dort sind die Gehälter höher -, aber nur unter Einrechnen von Zulagen. Dazu kommen quer durch Österreich unterschiedliche Regelungen für Ferien, Zwickeltage und Vorbereitungsstunden. "Das ist total zerspragelt", sagt der Chef der Gemeindebediensteten-Gewerkschaft Christian Meidlinger.
Raphaela Keller vom Dachverband kritisiert: "Der Gehaltsvergleich zeigt, dass es für unsere Berufsgruppe keine faire Bezahlung gibt, und dass die Systeme intransparent sind. Die Arbeit mit Kindern wird quer durch Österreich unterschiedlich bewertet. Es geht hier nicht um soziale Taten, sondern um professionelle Bildungsarbeit. Wir brauchen dringend bundesweit gleiche Regeln."
Länderkompetenz
Beamtenministerin Heinisch-Hosek verweist darauf, dass die Bezahlung der Kindergärtnerinnen in die Kompetenz der Länder fällt.
Das Urteil von Reinhard Bödenauer, der für die Gewerkschaft der Privatangestellten die Tarife für private Träger verhandelt, ist vernichtend: "Schon der Mindestlohn ist nicht hoch. Es ist eine Schande, dass man in diesen Bereich nicht mehr investiert. Die Ausbildung ist mit Matura-Abschluss mittlerweile nicht mehr adäquat, obwohl die Anforderungen ständig steigen. Und die Gehälter sind jämmerlich."
*Namen von der Redaktion geändert.
Artikel vom 19.06.2011 17:00 | KURIER | Patricia Haller
















