'Mit zehn ist dieser Zug abgefahren'. Kinder müssen früh für Bücher gewonnen werden, sagen Experten, sonst sind sie als Leser verloren. Die Ergebnisse internationaler Vergleichsstudien über die Lesekompetenz von Österreichs Kindern trafen die Schulverantwortlichen in die Magengrube: „Mittelmäßig“ war noch das Beste, was sich nach „Pisa“ und „Pirls“ über die Lesefähigkeiten der österreichischen Schüler sagen ließ. Die meisten Eltern hätten allerdings keine Studien gebraucht, um dieses Problem zu erkennen: „Mein Kind liest zu wenig“, ist eine häufige Klage. „Das muss sich ändern“, ein ebenso oft geäußerter guter Vorsatz.
Umgesetzt wird dieser meist in den Ferien oder im Urlaub. Doch leider haben Experten schlechte Nachrichten für Eltern: Wer es verabsäumt, seine Kinder bis zum Schuleintritt für das Lesen zu begeistern, der wird es später schwer haben. Und mit zehn, so der einhellige Schluss, ist dieser Zug dann gänzlich abgefahren, die Schlacht gegen den Fernseher verloren oder der Jugendliche endgültig in der Internet-Falle gefangen.
Um das zu vermeiden, muss man früh den literarischen Gegenangriff gegen Fernbedienung und Spielkonsole starten. „Das beginnt schon beim Vorhandensein von Büchern im Haushalt“, sagt Karin Haller, Direktorin des Instituts für Jugendliteratur: ob Kinder ihre Eltern in Buchhandlungen begleiten dürfen, welche Rolle Bücher im Familienalltag spielen, wie oft Kinder Mütter und Väter ein Buch lesen sehen – obwohl genau das den meisten Eltern mit kleineren Kindern eher selten vergönnt wird.
Vorlesen endet zu bald
Zentraler Grundstein für die Freude an Büchern aber bleibt das Vorlesen. „Das gemeinsame Abtauchen in eine Geschichte, das Kuscheln beim Vorlesen etablieren ein Wohlgefühl, das vielen Kindern bleibt“, sagt Elisabeth Rippar, die die Kinderbuchhandlung „Kunterbuch“ in Wien betreibt.
Hier gibt es allerdings zunehmend Beweise, dass viele Eltern zu früh mit dem Vorlesen aufhören. Studien der Mainzer Stiftung Lesen ergaben, dass 50 Prozent der Eltern von Erstklässlern ihren Kindern selten oder gar nicht mehr vorlesen.
Dieses Phänomen kennt auch Rippar. „Sobald Kinder in die Volksschule kommen, hören viele Eltern mit Vorlesen auf – mit dem Argument, das Kind kann das jetzt selber“, sagt sie. Das sei ein Fehler, denn die Inhalte, die Kinder in diesem Alter interessieren, können sie selber noch nicht lesen. Die, die sie lesen können, interessieren sie nicht – und der Grundstein für „Buch = langweilig“ ist gelegt. Wer sein Kind aber in diesem Alter als Leser verliert, gewinnt es selten zurück. „Mit zehn ist dieser Zug abgefahren“, sagt Rippar.
In Deutschland sorgt man sich über die Erosion des Lesens bereits so sehr, dass die Stiftung Lesen jetzt sogar die Kinderärzte einbindet. Im Rahmen des Projekts „Lesestart“ bekommen Eltern, die ihre Sprösslinge zur Mutter-Kind-Pass-Untersuchung für zehn bis zwölf Monate alte Kinder bringen, Bücherpakete ausgehändigt. Und werden darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, den Kindern möglichst lange vorzulesen.
![[c] 2008 webonly.at & Stock.XCHNG [c] 2008 webonly.at & Stock.XCHNG](http://www.kindercompany.at/images/stories/pics-550-001/1041.jpg)
Wenig Hilfe in Österreich
In Österreich bleiben Eltern im Kampf um die Leser der Zukunft dagegen weitgehend auf sich gestellt. Zwar gibt es einen umtriebigen Buchklub der Jugend oder Lesezirkel auf Landesebene, doch diese setzen zu einem Zeitpunkt an, zu dem es laut Expertenmeinung schon zu spät sein könnte.
Entmutigen lassen sollte man sich aber auf keinen Fall. Die Ferien sind die beste Gelegenheit, um einen neuen Anlauf zu nehmen. „Am besten ist es, im Urlaub Lesen mit einem Aktionsprogramm zu kombinieren“, meint Haller, deren Institut während der Ferien „Lesen im Park“ anbietet (www.jugendliteratur.net), wo die Bücher zu den Kindern kommen: auf Spielplätze, in Freibäder oder in Parks. Ein Ausflug in eine Buchhandlung – von denen die meisten bereits mit einer Spielecke aufwarten – oder eine Bücherei kann ebenfalls anregend wirken.
Wichtig sei allerdings, dass man die Kinder ihre Lektüre selbst aussuchen lässt, so Rippar – „auch wenn man dabei manchmal über seinen eigenen Schatten springen muss“. Hörbücher seien ebenfalls eine Möglichkeit, Kinder auf Umwegen zum Lesen zu ermuntern. Oder Zeitschriften, die Artikel zu einem Thema anbieten, das das Kind gerade interessiert.
Buch als „Strafe“?
Eines sei aber auf jeden Fall falsch: „Zum Lesen zu zwingen bringt ebenso wenig wie das Buch als Strafe“, sagt Rippar. Der Siebenjährige, der die Buchhandlung erst dann verlassen darf, wenn er sich ein Buch ausgesucht hat, wird wohl nicht mit der richtigen Einstellung an dieses „Geschenk“ herangehen.
Bericht aus der Presse: 29.06.2008 | 18:44 | DORIS KRAUS (Die Presse) |