Der Quantensprung zum zweiten Kind
kindercompany.at Ein zweites Kind kann den Familienverband auf eine schwere Belastungsprobe stellen.
Die Arbeit für frischgebackene „Mehrfach-Mütter“ verdoppelt sich nicht nur, sie vervielfacht sich: Sie müssen nämlich oft beim ersten Kind die Zeit kompensieren, die sie mit dem zweiten verbringen, um Eifersuchtsdramen und den Rückfall ins Baby-Alter in Grenzen zu halten.

Ein Kind oder zwei, auch schon egal? Mitnichten. Vor allem in den ersten Jahren vervielfacht sich die Arbeit für „Mehrfach-Mütter“, die auch noch die emotionale Krise ihrer Erstgeborenen bewältigen müssen.

Den dringenden Wunsch, sich noch ein zusätzliches Paar Hände wachsen zu lassen, hört man auf dem Spielplatz fast täglich. Und besonders oft kommt er von frischgebackenen „Mehrfach-Müttern“, die bis dato ihre gesamte Aufmerksamkeit einem Kind widmen konnten, nach der Ankunft eines zweiten Sprösslings aber plötzlich das Bedürfnis verspüren, sich klonen zu lassen. Löst die Grundsatzentscheidung für ein Kind das erste Erdbeben aus, das in einer Kleinfamilie keinen Stein auf dem anderen lässt, gilt das zweite Kind als die wahre Belastungsprobe, die vorhandene Bruchstellen im Familienverband gnadenlos offenlegt und alle Betroffenen einer harten Belastungsprobe unterziehen kann.

„Was genau mit nur einem Kind schwierig war“, daran erinnert sich Theresa, Mutter von zweien, nicht mehr. Aber wenn beide hungrig sind und ihr Herd einfach nicht schneller kocht, als er eben kocht, dann sei sie neuerdings oft kurz davor mitzuheulen. Stattdessen schüttet sie ihr Herz auf dem Kinderspielplatz jedem aus, der bereit ist zuzuhören.

 
Ungeahnte Herausforderungen

kindercompany.atUnd das sind beinahe alle. Selbst routinierte Mütter, die auch ein frisches Loch im Kopf eines ihrer Kinder nicht mehr in Hysterie versetzen kann, erinnern sich bereitwillig an die Anfänge als „Mehrfach-Mama“. Mit der Geburt eines zweiten Kindes tun sich neue Herausforderungen ungeahnten Ausmaßes auf, an denen man erst langsam abhärtet.

Anny, Mutter von mittlerweile drei Kindern, erinnert sich vor allem an die Ängste und Sorgen vor der Ankunft der Kinder: die Furcht, es nicht zu schaffen, wenn alle gleichzeitig krank sind; dass sich finanziell nicht mehr alles ausgeht, ohne dass die Kinder im Vergleich zu vorher zurückstecken müssen; aber auch die Befürchtung, ein Kind könnte sich zurückgesetzt fühlen.

Hannelore Bauer, Sozialarbeiterin in der Wiener Magistratsabteilung Elf für Jugend und Familie und Mitarbeiterin der Eltern-Kind-Zentren, weiß, dass die größte Sorge frischgebackener Mehrfach-Eltern vor allem der Eifersucht des älteren Kindes gilt. Das fange in der Schwangerschaft an und ende erst, wenn sich alles eingespielt hat.

Im Internetforum „Rund-ums-Baby“ (www.rund-ums-baby.de), in dem sich vorwiegend Mütter gegenseitig mit Rat und Trost zur Seite stehen, können gerade davon viele ein Lied singen: von großen Geschwistern, die kurzerhand die Tapeten von der Wand holen, sich vor Besuchern plötzlich splitterfasernackt ausziehen oder unvermittelt wieder auf Windeln und Nuckelflasche umsteigen, um die Aufmerksamkeit zu erlangen, die sie vermissen. Aber auch diese Krisen sind irgendwann einmal überstanden. „Es gibt immer Höhen und Tiefen. Man muss sich nur am Tag drei Minuten Auszeit gönnen, um wieder auf den Boden zu kommen“, meint etwa Melanie.

Zeitaufwand für drei

Für Critte hat sich die Arbeit verdoppelt. „Man muss zwei in Vereine fahren, sich um zwei kümmern, ihnen vorlesen, zwei zum Einkaufen mitnehmen, was die Hölle sein kann.“ Für Bauer ist aber ganz klar, dass sich der Aufwand mit dem zweiten Kind nicht verdoppelt, sondern sich sogar noch höher potenziert. Denn die Zeit, die man mit dem Neuankömmling in der Familie zubringt, müsse beim ersten Kind ja wieder ausgeglichen werden.

Den erschöpften Eltern reiche oft ein Gespräch als Hilfestellung. Vielfach sei nur ein Zurechtrücken der Sichtweise nötig – und zu sehen, dass man nicht alleine ist und andere Eltern exakt dieselben Probleme haben.

Wenn einem die Sorgen und Ängste über den Kopf zu wachsen drohen, sind die Eltern-Kind-Zentren eine Anlaufstelle. Von acht bis 15 Uhr sei immer jemand da, sagt Bauer. Sei es, dass man Beratung von Experten erhalte oder sich mit anderen Eltern austausche. Man könne durchaus anonym bleiben, werde nicht nach seinem Namen gefragt, und die Kinder werden von Pädagogen betreut, während die Eltern in Ruhe reden können. Auch die meisten Pfarren bieten Elternrunden an, die dem Austausch dienen.

Tipps im Umgang mit eifersüchtigen Erstgeborenen gibt es nicht viele, außer reichlich Geduld und Verständnis zu zeigen. „Wichtig ist es, das große Kind möglichst gut einzubeziehen. Das beginnt schon in der Schwangerschaft, wenn ein Name für das Kind ausgesucht wird“, so Bauer. Ein kleiner „Assistent“ könne auch durchaus beim Wickeln mithelfen. Damit werde auch das Selbstbewusstsein als große Schwester oder großer Bruder gestärkt. Dass Kinder umso schwieriger seien, je geringer der Altersunterschied zwischen ihnen ist, kann Bauer nicht bestätigen. Der Pflegeaufwand sei bei sehr kleinen Kindern höher, bei einem größeren Abstand könne man dem Erstgeborenen vieles besser erklären. Zu viel sollte man sich von diesem Vorteil aber nicht erhoffen. Vom Verständnis her sei das immer noch zu vergleichen mit einer Ehefrau, der beigebracht werde, ihr Mann habe jetzt noch eine weitere Frau, liebe sie aber trotzdem genauso wie vorher. „Das ist eben schwer zu verstehen.“

 
Kompensation und Ablenkung


Da man an Tatsachen aber ohnedies nichts ändern könne, sei es ratsam, sich nicht hineinzusteigern. Wenn der Papa oder ein anderes Familienmitglied dem älteren Kind dafür ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenkt, mehr mit ihm unternimmt und es ablenkt, sollte die Eifersucht durchaus überwindbar sein – bis aus dem kleinen „Zeitfresser“ dann ein willkommener Spielkamerad wird. Und so manche Mutter, die man in der Vergangenheit noch Dinge sagen hörte wie „Wenn ich ein Drittes will, erschlag mich bitte“, wurde später in Begleitung dreier Kinder gesichtet.

Bericht aus 'die Presse' vom 14.09.2008 | 18:08 |  HEDWIG SCHUSS (Die Presse)